Schwäbischer
Albverein e.V.

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Ortsgruppe
Neuhausen / Fildern

12.06.2003

Beitrag zur 850-Jahrfeier der Gemeinde Neuhausen

Neuhausen und seine Vergangenheit

(Ein Artikel aus ca. den 1950er Jahren)

In der Zeit um 2000 v Chr begann die erste Besiedelung der Fildern. Auf dem leicht eingesenkten Grund des "Egelsees", dem Platz der heutigen Lehmgrube, entstand der erste dörfliche Vorläufer Neuhausens. Etwa 1500 Jahre später bildete sich durch weiteren Zuzug von Kelten auf dem "Kalkofen" und im oberen "Egelsee" ein großes Bauerndorf. Im Jahre 85 n Chr kamen die Römer auch in unsere Gegend. Gut erhaltene Denkmaler bezeugen, dass sie auch auf unserer Markung Fuß gefasst hatten.

Dass die Neuhauser eine eigene Mundart sprechen und eine eigenartige seelische Haltung bekunden, geht wesentlich auf die alemannischen Vorfahren zurück. Im 5 Jahrhundert entstand am Platze des heutigen Ortskerns eine alemannische Siedlung, was aus Fundstucken eines Friedhofs hervorgeht.

Ursprünglich war ein Bauer Dorfherr. Er hatte Rechte, die man in der Wortformel, Zwing oder Bann" zusammenfasste. Man nannte ihn den "Dorfmaier", der sich zum Zeichen seiner Wurde mit dem Schwerte umgurtete, wie es die edlen Herren taten. So hat sich im Lauf der Jahrhunderte der Dorfältesten zum Dorfherren oder Ritter emporgehoben.

Die Junker oder Ritter von Neuhausen waren unabhängig von den Landesfürsten und nur dem Kaiser untertan. Den Grafen von Württemberg gelang es, die übrigen Filderorte, die einstmals auch eigene Ortsherren hatten, mit Ausnahme von Möhringen und Vaihingen, als zur Reichsstadt Esslingen gehörend, an sich zu bringen. In Neuhausen behauptete sich das ortsadelige Geschlecht bis gegen Ende des 18 Jahrhunderts.

Die erste urkundliche Nachricht der Herren von Neuhausen geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Berthold I. von Neuhausen hatte 1153 die Ritterweihe empfangen und stand als Dienstmann im Heeresgefolge des Kaisers Barbarossa. Eine Denkschrift von 1750 versuchte indessen zu beweisen, dass schon viel früher Angehörige dieses Geschlechtes lebten. Sie nennt folgende Vorfahren: Wenzel von Neuhausen, Freier Land- und Bannherr 948, Ladislau, Freiherr zum Neuen Haus 1015, und dann, 1153, den oben erwähnten Berthold I.

In der kaiserlosen Zeit des Mittelalters suchten die Inhaber mancher Rittergüter Schutz bei mächtigen Grafen. Sie übergaben ihre abgestammten Güter und bekamen sie zur Nutznießung auf Lebenszeit wieder zurück. Diesen Weg hatte auch 1269 Werner III. von Neuhausen beschritten. Er trat das adelige Gut Neuhausen für 1400 Gulden an den Grafen von Hohenberg ab und erhielt es als Lehen wieder zurück. Die Grafen von Hohenberg, stark verschuldet, verkauften 1381 ihre Grafschaft an den österreichischen Herzog Leopold den Frommen. Dadurch kam auch Neuhausen unter österreichische Herrschaft und war bis 1769 ein Bestandteil Vorderösterreichs.

Am 2 September 1449 wurden Neuhausen, Bernhausen, Sielmingen und Plieningen von den Reichsstädtern ganz abgebrannt. 1526 vernichtete eine Feuersbrunst in Neuhausen 97 Hauser.

Bis zum Beginn des 16 Jahrhunderts wohnten die Herren von Neuhausen in der alten Burg oder "Vestin", die um 1100 erbaut wurde und östlich vom heutigen Rathaus stand. Jahrzehntelang verwalteten zwei Nachkommen Werner III. von Neuhausen gemeinsam das Rittergut. Als Hans IX. mit seinem Mitregenten Gregor "den Frieden nicht hat halten konnten", bat er den Weihbischof von Konstanz, dem die Pfarrei Neuhausen unterstellt war, einen Teil des Hofes ihm zu überlassen. Nach der Teilung erbaute Hans im Jahre 1518 das obere Schloss, das heutige alte Schulhaus. Wilhelm IV., ein Nachkomme der Familie, die in der alten Burg geblieben war, erbaute von 1560 bis 1570 das untere Schloss, das heutige Rathaus.

Ritter Julius Rudolf, der Herr des oberen Schlosses, hatte nur eine Tochter, Margaretha Susanne Ritter. Georg Wolf von Rotenhan, der in der fränkischen Ritterschaft eine führende Stellung hatte, heiratete die sechzehnjährige Margaretha Susanne, in der Hoffnung, in den Besitz des Rittergutes in Neuhausen zu kommen. Hans Philipp, der Herr des unteren Schlosses, machte aber Ansprüche geltend. Georg Wolf von Rotenhan hatte jedoch gute Freunde am Wiener Hof, und der Kaiser belehnte den frankischen Junker mit dem erledigten Rittergut Neuhausen.

Rotenhan hatte seinen Sitz in Bamberg, wohin er durch den fürstbischöflichen Dienst gebunden war. Seinen Amtsvogt Schmiderer ließ er in Neuhausen frei schalten und walten, was zur Unzufriedenheit führte. In den Jahren 1659-1661 kam es zu einer Rebellion, bei der die Bauern gegen das "zweierlei Recht" Stellung nahmen und auch zu ihrem Recht kamen.

Als Ritter Josef, der letzte Herr des unteren Schlosses, stark verschuldet starb, erwarb Karl Alexander von Rotenhan gegen eine Abfindung von 24.000 Gulden den erledigten Teil des Rittergutes und war nun im Besitz von ganz Neuhausen. 1769 löste er den Lehensvertrag mit Österreich. Als Gegenleistung musste er 10.000 Dukaten an die kaiserliche Kammer bezahlen. Neuhausen war nun freies Eigentum Rotenhans. Um 450.000 Gulden verkaufte er den Besitz an das Fürstbistum Speyer.

1802 nahm Kurbaden das Dorf Neuhausen in Besitz. Weil das Dorf aber für Baden zu abgelegen war, willigte der Großherzog 1806 in einen Tausch mit König Friedrich von Württemberg ein.

Bis 1806 Enklave Württembergs

Mentalität des Filder-Dorfes von der Geschichte geprägt

Der Neuhäuser ist in manchen Wesenszügen anders als seine Nachbarn, nicht nur in seinen Vorzügen, sondern auch in seinen Schwächen. Er ist deshalb anders, weil das Dorf eine andere geschichtliche Vergangenheit als die übrigen Filderdörfer hat und die Bevölkerung Jahrhunderte lang besondere Schicksale erlebte. Aus dieser anders gearteten Vergangenheit haben sich eigenständige Sitten herausgebildet, deren Spuren noch nicht verwischt sind.

Neuhausen war einst eine Insel inmitten württembergischer Dörfer, ein "Ländle" für sich, das bis Ende des 18 Jahrhunderts eine eigene Ortsherrschaft hatte, die dem dortigen Leben Richtung gab. Die Filderbauern nannten unser Dorf noch um 1800 das "ausländische Neuhausen". Man verkehrte zwar freundschaftlich hinüber und herüber, aber Heiraten zwischen Neuhausen und den übrigen Filderdörfern gab es nicht, weil unser Ort als Teil Vorderösterreichs katholisch blieb. Die Bevölkerung war also nicht nur politisch, sondern auch religiös von der Nachbarschaft geschieden. Familiennamen, die uns in der Nachbarschaft zahlreich begegnen, sucht man in Neuhausen vergeblich. Dem Dorfe Neuhausen strömte aus der Umgebung kein Blut zu, neue Geschlechter kamen vielmehr aus weit entfernten katholischen Dörfern und Städten und selbst aus den Alpenländern, aus Oberitalien, Savoyen und Frankreich. Die ersten evangelischen Christen fanden sich in Neuhausen erst nach 1806 ein, nachdem Neuhausen zum Königreich Württemberg kam. Wahrend 1914 noch 326 evangelische Christen hier wohnten, sind es heute, bei einer Einwohnerzahl von 7000, nahezu 2000.

Die Sonderstellung Neuhausens zeigt sich deutlich auch in der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Bevölkerung musste über Jahrhunderte schwer um das tägliche Brot ringen, viel schwerer als die Bauern der umliegenden württembergischen Dörfer auf der Filder, weil der Bevölkerung kaum der halbe Markungsertrag zustand, während die Ortsherrschaft den größten Teil an Grund und Boden in der Hand hielt. Früh schon musste die Bevölkerung deshalb zum Bauhandwerk und Handel Zuflucht nehmen, wenn sie noch ein erträgliches Dasein fuhren wollte. So blieb denn Neuhausen seit dem Ende des 17 Jahrhunderts bis in die neuere Zeit herauf Heimat des Baugewerbes und der hausierenden Händler.

Erst im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich die Wirtschaft Neuhausens wesentlich geändert und der allgemeinen Entwicklung angeglichen. Die Landwirtschaft hat in ihrer Bedeutung stark eingebüßt. Fast die Hälfte der Feldmark wird durch Ausmärker bewirtschaftet Die kleinbäuerlichen Betriebe, von Frauen und Kindern mühsam bewirtschaftet, wurden in den letzten Jahren immer weniger. Dafür blühte das ortseigene Gewerbe, Handwerk und Industrie, stark auf.

Heute sind in Neuhausen folgende größere Betriebe ansässig: eine Fabrik für feinmechanische Erzeugnisse, eine Strickwarenfabrik, eine Maschinenfabrik, eine Spielwarenfabrik, ein Automobilwerk (Zweigbetrieb), eine Ziegelei, je ein Betrieb für Maschinenbau, Möbel, Messwerkzeuge, Gitterroste, thermoplastische Erzeugnisse und zwei Betriebe für hydraulische Anlagen.

Die Industrie beschäftigt aber nur einen Teil der Bevölkerung, die Masse der erwerbstätigen Männer und Frauen pendelt täglich zu den auswärtigen Arbeitsplätzen nach der Landeshauptstadt und ins Neckartal. Dem kommt das weit verzweigte Verkehrsnetz zugute, wobei der beim Ortsende gelegene Zugang zur Autobahn, die seit 45 Jahren bestehende Straßenbahnverbindung nach Esslingen und die Omnibusverbindung nach Stuttgart, Nürtingen und ins Neckartal eine bedeutende Rolle spielen und es den 1900 Pendlern ermöglichen, rasch zur Arbeitsstätte zu gelangen

Ein besonderes Gepräge gibt der Gemeinde Neuhausen und seinen Einwohnern das kulturelle Leben. Die Anfange der musikalischen Volkskunst gehen drei Jahrhunderte zurück. Schon um 1650 gab es hier kleine Gruppen berufsmäßiger Geiger. Noch vor 1800 ist aus einer solchen Spielergruppe ein großes Orchester herausgewachsen. Von den alten "Spielbuben", die auf Hochzeiten, Jahrmarkten und der Kirchweih spielten und die Musik mehr aus bitteren Broterwerbsgründen als aus innerer Leidenschaft zur Musik, ausübten, bis zu der Janitscharenmusik in der Mitte des 18 Jahrhunderts und zu dem heute stattlichen Orchester des Musikvereins und dem Handharmonikaspielring, ist Musikbegeisterung mit Erfolgen und Enttäuschungen zu verzeichnen. Mit vielen Erfolgen hat der Männergesang die Neuhäuser Farben vertreten und auch die Pflege der Kirchenmusik trägt zum Ansehen der Gemeinde bei. Einen Kulturträger besonderer Art besitzt die Gemeinde in der seit 1805 bestehenden Bürgergarde, die am Fronleichnamsfest und auch bei bedeutenden weltlichen Veranstaltungen nicht mehr aus dem Bild der Gemeinde wegzudenken ist. Auch der Sport hat seit vielen Jahren seine Freunde in Neuhausen.

Im Jahre 1898 entstand ein Turnverein, 1920 der Fußballverein. Die Schützengilde konnte beachtliche Erfolge erzielen. Auch die übrigen, nicht aufgeführten Vereinigungen erfüllten die gestellten Aufgaben zur Zufriedenheit und tragen dazu bei, das kulturelle und gesellige Leben in unserer Heimatgemeinde zu fördern.


... und als weiteres Schmankerl einen aktuellen Bericht aus der Stuttgarter Zeitung